#1 Pendler: 92 Kilometer Luxus - Vergleich Bahn gegen Auto zwischen Halle und Magdeburg von bahnfan84 23.02.2012 12:47

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HALLE (SAALE)/MZ. Halle-Magdeburg und zurück mit der Bahn oder dem Auto. Was ist günstiger, wo gibt es weniger Stress? Zwei Erfahrungsberichte verraten mehr:

Kai Gauselmann, Redakteur. Fährt täglich mit dem Zug von Halle nach Magdeburg.

Dass ich fast jeden Tag mit dem Zug pendele, liegt: an der Autobahn. Eigentlich fahre ich ganz gerne Auto. Aber im Berufsverkehr auf der A 14 von Halle nach Magdeburg und abends wieder zurück zu fahren, ist Folter im eigenen Auto. Natürlich gibt es in beide Richtungen je zwei Fahrspuren. Theoretisch. In der Praxis besteht die rechte Spur aber aus einer durchgehenden Wand aus Lkw. Gibt es doch mal eine Lücke, huscht garantiert irgendwer ohne zu blinken mit seiner 36-PS-Möhre auf die linke Spur. Lange Rede, kurzer Sinn: Mit dem Auto zu pendeln, bringt Stress vor dem Arbeitsstress.

Das weist direkt zum größten Vorteil des Zug-Pendelns: Im Vergleich zum Auto ist der Zug eine Wellness-Oase. Allerdings eine abgenudelte. Der Intercity, der übrigens regulär nur 49 Minuten für die Strecke benötigt, stammt mutmaßlich aus der Zeit als noch Dampfloks fuhren. Der Komfort hat im Laufe der Jahre deutlich nachgelassen. Die Sitze sind durchgesessen, das Inventar ist grundsätzlich abgegriffen und von den Toiletten sind meist welche gesperrt. Irgendwas stimmt auch nicht mit den Lüftungsanlagen in den Zügen. Kein Klischee: In den Waggons ist es tatsächlich im Sommer zu warm und im Winter zu kalt. Abends riecht es grundsätzlich so, als habe der Zug zwischenzeitlich tonnenweise getragene Socken transportiert, wohin auch immer. Jedenfalls ist die Luft abgestanden. Sie wird auch nicht dadurch besser, dass nicht wenige Mitreisende unabhängig von ihren persönlichen Hygienestandards ihre Schuhe ausziehen.

Grundsätzlich sind wir Zug-Pendler aber ein fröhlich-friedliches Völkchen. Neulich fuhr eine Gruppe beschwipster Damen mit Pappnasen mit, die ihre Rückkehr aus dem Rheinland feierten. Ganz klar: Wer "Mer lasse d'r Dom in Kölle" nicht mit sächsischer Sprachfärbung hörte, hat nicht gelebt.

Ganz großes Plus: Man kann im Zug entspannt lesen - und niemand stört durch laute Dauer-Telefonate. Handytechnisch gesehen ist die Strecke nämlich eine Kette von Funklöchern. Natürlich kann man auch nicht selber telefonieren. Aber dafür kann mein Chef auch nicht anrufen.

Grundsätzlich ist die Bahn zuverlässig. Kleine Verspätungen von einigen Minuten kommen öfter vor, größere alle paar Wochen. Tiefpunkt: Wegen des Orkans Kyrill fuhr 2007 abends kein Zug mehr zurück. Ich musste im Büro schlafen. Das braucht kein Mensch: morgens als allererstes auf seinen Arbeitsplatz zu gucken.

Fazit: Zug-Pendler sind die entspannteren Typen. Die Verbindung ist unabhängig vom Wetter verlässlich. Bei den Spritpreisen dürfte die Bahn-Monatskarte (261 Euro) egal mit welchem Auto schwer zu schlagen sein. Zugpendeln könnte sogar richtig schön sein - wenn die Bahn jetzt noch die Intercitys aufmöbelt und eine Schuhanbehaltepflicht für Reisende einführt.

Marko Jeschor, Volontär. Fährt täglich mit dem Auto von seinem Wohnort Magdeburg nach Halle.

Zweimal täglich hält sich die Vorfreude auf das, was mich in der nächsten Stunde erwartet, ziemlich in Grenzen. Eine Stunde Autobahn zwischen Magdeburg und Halle bedeutet für mich in erster Linie nämlich volle Konzentration auf den Verkehr. Angenehme Dinge wie Zeitung lesen müssen deshalb warten. Auf der rechten Spur quälen sich die Brummis, überholen sich gegenseitig immer dann, wenn ich mich schon fast auf gleicher Höhe wähne. Die linke Spur ist dagegen für die Raser reserviert. Die, die sich die Geschwindigkeit bei den Spritpreisen noch leisten können, sind meist mit mehr als 180 Sachen unterwegs. Das merke ich immer dann, wenn das halogene Scheinwerferlicht schneller heranrauscht, als ich wieder rechts blinken kann. Mein Blick geht deswegen mindestens genauso häufig in den Rückspiegel wie nach vorn.

Irgendwo zwischen Fernfahrer und Geschwindigkeitsjunkie fahre ich, springe in die Lücken, bin mal schneller, mal etwas langsamer unterwegs. Ein Tempomat ist überflüssig. Trotzdem brauche ich in meinem vier Jahre alten Honda Civic nicht wesentlich mehr Zeit für die fast 92 Kilometer als mit dem Zug. Außerdem bin ich fast immer pünktlich, was man von der Bahn nicht unbedingt behaupten kann. Zeitliche Ausnahmen gibt es immer nur dann, wenn entweder ein Brummi oder ein Raser wieder einen Unfall verursacht hat. Das kommt gefühlt häufiger vor, als ich mich vor Baustellen einfädeln muss.

Seit Mittwoch nervt mich das Autofahren noch mehr. Ein ADAC-Experte hat mir nämlich exakt vorgerechnet, dass ich mit meinem Diesel monatliche Kosten von fast 1 000 Euro habe - also viermal mehr zahlen muss als für ein Monatsticket bei der Deutschen Bahn. Ein Teil des Geldes kann ich mir dank der Pendlerpauschale zwar irgendwann wiederholen, seit der Sprit aber so teuer geworden ist, überwiegt der tägliche Frust über das ständige Loch im Geldbeutel.

Nun ist nicht alles schlecht für mich als Autofahrer. Ich behaupte sogar, dass ich einen gewissen Luxus genießen darf: im Sommer muss ich nicht schwitzen, im Winter nicht frieren. Erkältungen anderer können mich daher höchstens in der Redaktion erwischen. Und: Ich kann die Musik im Auto voll aufdrehen, ohne dass es jemanden stört. Das größte Plus aber ist die Flexibilität. Von Abfahrtsplänen im öffentlichen Nahverkehr habe ich höchstens mal gehört, Verspätungen betreffen mich nur dann, wenn Freunde oder Kollegen mal wieder länger am Bahnsteig zubringen müssen.

Fazit: Nachteile gibt es genügend, nicht zuletzt die extremen Kosten. Flexibilität im Job ist aber der Grund, weshalb ich auch in Zukunft nicht auf das Auto verzichten kann. Dafür zahle ich einen entsprechenden Preis. Bei Terminen im ländlichen Raum hilft mir kein Bus, keine Bahn. Die Orte erreiche ich nur mit dem Auto schnell.


Quelle: mz-web.de

#2 RE: Pendler: 92 Kilometer Luxus - Vergleich Bahn gegen Auto zwischen Halle und Magdeburg von Alter Anhalter 23.02.2012 18:46

Gelungen finde ich diesen Vergleich definitiv nicht! Allerdings ist die Berichterstattung der MZ in den letzten Jahren sowieso qualitativ in den Keller gegangen, Tiefpunkt war die Story mit den 33 Signalüberfahrten nach dem Unfall in Hordorf ... Ich verstehe nicht, wie man nun wieder so ein konkretes Thema in den Sand setzen kann. Gerade die sachsen-anhaltinische Magistrale Uelzen-Halle wurde in den letzten paar Jahren doch recht ansehnlich aufgewertet; insbesondere was das Fahrzeugmaterial angeht. Keine Quitschies mehr, keine verbrauchten DBuzas, selten einmal ausgeleierte 143er. Nein, 112er und modernste Dostos bringen hier richtig Komfort auf die Schiene und das zu einem sehr moderaten Preis. Hierüber hätte man mal berichten und den Zug und das Auto vergleichen sollen, von solch einem hochwertigen Angebot kann der Autofahrer nur träumen zumal die Fahrzeiten auch nicht wesentlich mehr als eine Stunde betragen! Zumal die Mehrheit der Pendler sowieso im Nahverkehr unterwegs ist, gerade weil man weiß, was im Fernverkehr los ist. Wie man dann als Zeitung, wieder ausgerechnet nur auf die negative Seite eingehen kann, bleibt mir schleierhaft. Wie gut, dass anscheinend keiner der Redakteure weiß, dass der Stundentakt im Fernverkehr auch nur widerwillig von DB Fernverkehr umgesetzt worden ist ... Ohne massive "Überzeugungskünste" würde dort heute immer noch nur ein Zweistundentakt, jeweils Versetzt in den Richtungen, verkehren. So langsam spiele ich wirklich mit dem Gedanken, diese Zeitung abzubestellen.

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