#1 Die guten, alten Tatras haben im Erfurter Linienverkehr bald ausgedient von hzol 04.10.2014 21:48

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Zitat von Matthias Thüsing
Wenn im Oktober die Spannung in den Oberleitungen auf 750 Volt erhöht wird, müssten die Bahnen teuer umgerüstet werden


Noch gehören die Tatras zum Erfurter Straßen(bahn)bild. Nun kommen sie aufs Abstellgleis. Foto: Hartmut Schwarz

Erfurt Die große Fahrzeughalle der Evag ist leer bis auf ein paar Straßenbahnen auf den Gleisen ganz links und ganz rechts. Es riecht ein wenig nach Staub und Öl. Michael Nitschke, Bereichsleiter Bau und Infrastruktur bei den Erfurter Verkehrsbetrieben (Evag), hat sich vorschriftsmäßig die orange Warnweste übergezogen und steuert zielstrebig auf die rot-weiß lackierte Tatra Typ KT4D zu. "Die hier werden außer Dienst gesetzt", zeigt Nitschke auf die Bahnen links von ihm.

Es seien insgesamt fünf Triebwagen, die noch im Oktober aufs Abstellgleis geschickt werden.

Der Grund ist ein technischer: Die Evag hat inzwischen alle 23 sogenannten Unterwerke erneuert oder technisch umgerüstet. Und damit besteht nun die Möglichkeit, den vom E-Werk gelieferten Strom künftig mit 750 Volt in die Oberleitung einzuspeisen. Bislang fahren die Erfurter Straßenbahnen mit 600 Volt. "Doch bei gleicher Leistung sinkt der Stromverbrauch immer dann, wenn ich die Spannung erhöhe", sagt Nitschke.

Schüler lernen diesen Zusammenhang in der neunten Klasse mit dem "Ohmschen Gesetz" im Physikunterricht kennen.

Die alten Erfurter Tatras sind seit 1976 zu Tausenden von dem Prager Unternehmen CKD hergestellt worden - für den osteuropäischen Markt und vor allem auch ausgelegt für russische Bedürfnisse. "Eine Umrüstung ist mit hohen Kosten verbunden", sagt Nitschke. Denn nur mit ein paar neuen Teilen sei die Sache nicht getan. Bauartbedingt müsse man die gesamte Steuerung umrüsten. Die Evag hat sich daher vor Längerem entschieden, diese Investitionen nur für drei Triebwagen vorzunehmen. Diese Bahnen werden es künftig übernehmen, Touristen auf nostalgische Rundfahrten durch die Stadt zu schicken. Sie ersetzen damit die noch älteren Modelle aus der Gothaer Waggonfabrik, deren regelmäßige Instandhaltung mit den Jahren immer kostspieliger geworden ist.

Nitschke tritt näher an eine der ausgemusterten Bahnen heran. Eine schwarze 401 prangt auf der Seite und identifiziert den Wagen als einen der ersten Tatras, die Erfurt Mitte der 70er-Jahre zugeteilt bekommen hatte. Insgesamt 30 Bahnen des neuen Typs wurden damals in die DDR geliefert. In Berlin jedoch sollten oder wollten die Fahrzeuge nicht im Dauerbetrieb erprobt werden. So konnten sich die Erfurter einige Bahnen sichern - und beendeten so alle Debatten darüber, ob die Straßenbahn - ähnlich wie in Eisenach oder anderen Städten der DDR dieser Zeit - auch in Erfurt abgeschafft werden solle.

Fast vier Jahrzehnte lang versahen die Bahnen brav ihren Dienst. Sie gelten als Stromfresser, aber insgesamt als zuverlässig. Nach der Wende hat die Evag ihren Fahrzeugpark mit den Jahren auf moderne Niederflurbahnen umgestellt. Auch Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Passagiere können seitdem bequem zu- und aussteigen.

Doch die Tatras erwiesen sich als zähe Kämpfer - besonders im Winter. Denn bei Schneefall konnten sie in der Vergangenheit gegenüber manch neuerem Modell ihre Stärken ausspielen. "Wenn der Schnee seitlich gegen den Wagenkasten der modernen Bahnen drückt, kann die Reibung so hoch werden, dass sie nicht mehr anfahren können", sagt Nitschke. Den Tatras mache das jedoch nichts aus.

Im Gegenteil: Um das Winter-Problem bei den modernen Bahnen in den Griff zu bekommen, gibt es bei der Evag einen Schneepflug: einen umgebauten Tatra.


TA

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